Newsletter der nmz - Mathis Ubben

Liebe Newsletterabonnentinnen und -abonnenten,

vor kurzem saß ich in einem Konzert eines Weltklasse-Streichorchesters. Zugegeben: Die Programmzusammenstellung war keine Kunst, worüber Michael Kube unlängst nachgedacht hat, das Konzert aber trotzdem großes Kino. Die Streicher*innen waren eine technisch hervorragende Einheit, die Interpretationen gelungen und der Saal voll. Wobei ein „Kino“, ein Fest auch für’s Auge, war der routinierte Auftritt tatsächlich lange Strecken nicht.

Manchmal fegten sie mit ihren Bögen in großem Bogen durch eine Kadenz oder schlossen einen Formteil theatralisch mit einem Pizzicato ab. Große Gesten. Und einmal – die Hände noch in der Luft – klatschte es da so einsam wie energisch aus den Stuhlreihen mit Schulklassen. Mitten ins Stück. Die begeisternde Energie war übergesprudelt! Schnell bemerkte das Kind seinen „Fehler“ und hörte auf – während ein Blick-Shitstorm sensationsgieriger Klassenkamerad*innen auf dem oder der Übeltäter*in niederging.

Dem Kind ist natürlich kein Vorwurf zu machen, die kurze Reaktionszeit und die Situation sprachen für ein aktives Zuhören, ein Staunen, Begeisterung.

Das Weltklasse-Ensemble blieb „professionell“ und behielt sein Poker-Face. Wie beschämte Menschen, die Blickkontakt vermeiden: „Gehen Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen.“

Dabei prasselten die Sechzehntel in absurder Präzision, dazu noch wohlgeformt(!), durch das Streichorchester; das Orchester schlug Dynamik-Haken, dass einem schwindelig wurde; und die großen Linien wollten nicht abbrechen und wurden mit betörend harmonierenden Harmonien unterfüttert. Ich finde es schlimm, Mittelprächtiges durch Inszenierungen zur Weltsensation aufzublasen, die eigene Spitzenqualität aber abgebrüht und kalt zu servieren, lässt wiederum wohlverdienter Begeisterung die Luft ab.

Für unbeeindruckt präsentierte Weltklasse wird die KI bald eine günstigere Konzertlösung entwickelt haben. Der Kulturbetrieb sollte das Risiko eingehen, mehr Menschlichkeit zu versuchen, auch wenn diese nach Jahren im Klassikbetrieb immer hinter „Professionalität“ zurückgestellt wurde. Und wenn ein Weltklasse-Ensemble nicht neu definieren kann, was professionell ist, wie man uns musikalisch berührt, begeistert, Staunen lehrt, wer dann? Schließlich ist es so wichtig, immer wieder das Staunen neu zu lernen.

Ich persönlich wünsche Ihnen ein Wochenende mit Charakter!
Mathis Ubben


Michael Kube sitzt in Reihe 9 – Kombinationen

Eine der schönsten und zugleich schwierigsten Aufgaben einer guten Dramaturgie und künstlerischen Planung ist es, für ein Konzert zu programmieren. Was ist der gemeinsame Anker zwischen den zu spielenden Werken? Wo ergeben sich vielleicht auch spannende Gegensätze? Aber es gibt auch große und gewichtige Werke, die schon für sich genommen immer wieder eine Herausforderung darstellen. Sollen diese langen Partituren ohne „Beiwerk“ präsentiert werden, oder finden sich am Ende doch angemessene Ergänzungen? Weiterlesen


nmz: Juni 2023 – CHORSZENE

Begegnung und Austausch als Konzept
Resonanzen von der A-cappella-Woche Hannover

Ein positives und motivierendes Signal
Jan Schumacher im Gespräch über den Deutschen Chorwettbewerb


BERICHTE

Händel ist der Größte …“ – Der Kulturermöglicher Bernd Feuchtner in Halle

Kurz vor dem Ende der laufenden Händel-Festspiele in Halle traf sich Joachim Lange mit dem Interimsintendanten Bernd Feuchtner in seinem gerade bezogenen Büro im Händelhaus … Weiterlesen

To KI or not to be? Ausstellung „Can you hear it? Musik und Künstliche Intelligenz“ in Hamburg

Ein wenig mulmig ist vielen Menschen immer noch, wenn es um künstliche Intelligenz (kurz: KI) geht. Es sind existenzielle Fragen, die uns bewegen. Es ist nicht wie die einstmalige Vorhersage bei der Erfindung des Fernsehens, dass das Kino verschwinden wird. In den Köpfen der Menschen geht es um wesentlich mehr: werden wir ersetzt, werden wir noch gebraucht oder sind wir gar schon vollständig überflüssig? Die Ausstellung „Can you hear it?“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe beschäftigt sich mit musikalischen Fragestellungen, die KI leisten kann, ausdrücklich den Menschen unterstützend. Die Ergebnisse aber gehen weiter, als Menschen es bisher leisten konnten – das ist faszinierend und verstörend gleichermaßen. Aber auch spannend und absolut sehens- und hörenswert! Weiterlesen

Wunderbare Monster? „Nixon in China“ von John Adams in Hannover

Die Präsenz der 1987 entstandenen Oper „Nixon in China“ an europäischen Opernhäusern – unter anderen Paris, Stuttgart, Koblenz und gerade erst in Dortmund – ist unübersehbar. Offensichtlich hat John Adams Oper „Nixon in China“ Konjunktur, nun auch an der Staatsoper Hannover in der Inszenierung von Daniel Kramer. Weiterlesen


Jazz und anderes in der nmz-HörBar

Jens Joneleit: Planet Edge

Das permanente Gefühl in einem alchemistischen Labor sich zu befinden, in dem es durchgehend blubbert und seltsame akustische Gerüche aufsteigen, lässt einen nicht los. Das Ergebnis: Für die einen Gold, für die anderen ist es Jazz-Por-Zell-An-Bruch etc. …

T.ON plays Herzog | Muche | Nillesen

Das Wunder einer zeitlosen Musik aus der Zukunft, die ihre Klangschatten in die Gegenwart projiziert. 12 Tracks, in denen man sich verliert, in denen man sich selbst zurücklassen darf, um neue Landschaften aus Hauch und Tröt zu erkunden. Eine höfliche Einladung dazu ist genau diese Musik des Trios. …

Leipold / Bucher / Lo Bianco – Ostro

Die Instrumente mit ihren Musikern sind selbst plural, multipoetisch geführt. Das ist geradezu verführerisch subtil, und es mutet den Hörer:innen dabei nicht zu viel und nicht zu wenig zu. … Das ist gut gedacht, gut gemacht und respektvoll defensiv. Schön. …


Aus der JazzZeitung


UNABSTREITBAR

Raub der Sabiner*innen –
oder: Die Franziska Giffeys des Musikjournalismus

Man hat es wohl hier und da mitbekommen: Seit 2019 schreibe ich eine Serie über Komponistinnen für die Kolleginnen und Kollegen vom VAN Magazin. Das Ganze erscheint Mitte November 2023 als Buch beim Aufbau Verlag. Und darauf freue ich mich. Das Thema „Komponistinnen“ wird derzeit – endlich – stark diskutiert. … Und es wird sich dabei auch mal fremder Federn bedient, bemerkt Arno Lücker.


NACHRICHTEN

KULTURPOLITIK / MUSIKMARKT

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PERSONALIA / PREISE


Mathis Ubben

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