Newsletter der nmz - Mathis Ubben

Liebe Newsletterabonnent:innen,

Am 6. März war Equal Pay Day. Das heißt, Männer haben im Schnitt bis zum 6. März mehr verdient als Frauen im Schnitt im ganzen Jahr. Im Kulturbereich ist das Verhältnis sogar noch krasser.
Heute, am 8. März, ist internationaler Frauentag. Dass beides so nah zusammenfällt, ist keine Absicht, sondern peinlich für uns als Gesellschaft. Denn seit Jahren rückt der Equal Pay Day aus Richtung der Jahresmitte an den Anfang und hat mittlerweile den Internationalen Frauentag im negativen Sinn „überholt“.

Da es im Kulturbereich noch krasser ist, hat der Deutsche Kulturrat eine Online-Diskussion seiner Reihe „Ja.Aber.Und“ diesem Thema gewidmet. Moderiert wurde die Diskussion am 6. März von Barbara Haack, sehen kann man sie auch heute noch hier.

Und weil ich in Diskussionen immer wieder bemerke, dass die Problematik des Equal Pay Days oder des Gender Pay Gaps noch nicht in der Breite gesehen wird und auch tatsächlich mehr als eine Ebene dafür berücksichtigt werden muss, hier nochmal etwas zur Auffrischung:

Der Verdienstunterschied bezieht sich auf das, was tatsächlich an Geld erwirtschaftet wird, abhängig vom Geschlecht, unabhängig vom Beruf oder der Arbeitszeit. Das ist die Ebene, von der ich beobachte, dass die meisten sie verstehen und hier aussteigen, denn: Wer in Berufen arbeitet, die einfach schlechter bezahlt sind, oder in Tarifgebundenen Berufen öfter in Teilzeit arbeitet, würde nun mal wissentlich und willentlich weniger Geld verdienen – ein Argument dafür, dass es kein Problem und keine Aufregung angebracht ist.

Aber: Gehaltsunterschiede bestehen bei nicht tariflichem Gehalt oft auch bei gleicher Arbeitszeit oder dem gleichen Beruf (statistisch dann zugunsten der Männer) und die Berufswahl von weniger lukrativen Jobs oder die Entscheidung in Teilzeit zu gehen, wird systematisch von der Gesellschaft gefordert. Ein kleines Symptom und gleichzeitig eine Ursache hat vor wenigen Tagen noch der ZDF beschrieben. Ich weiß, das ist der Newsletter der nmz, aber wegen der Thematik möchte ich einmal auf den Beitrag zur Studie hinweisen, dass Jungen und Mädchen in der Schule nicht objektiv bewertet werden. Mädchen werden in Naturwissenschaften unter-, aber tatsächlich auch (zum Beispiel in Sprachen) überbewertet. Das ist nur einer der Unterschiede, die komplett willkürlich gemacht werden, die in der späteren Lebensführung aber spürbare Folgen haben.

Provokant ausgedrückt kann man sagen, dass die Kompetenzen von Frauen auch in den Bereichen überbewertet werden, die nur wenig bis gar kein Geld direkt abwerfen: Verkürzt gesagt handelt es sich um Sorge-, Pflege-, Familien-, Sozialarbeit und Hauswirtschaft. Frauen arbeiten nicht weniger, sie arbeiten häufiger, ohne bezahlt zu werden. Da liegen unbezahlte 40 oder mehr Wochenstunden an Arbeit, ohne die unsere Gesellschaft nicht laufen würde und ohne die viele Männer ihre bezahlte 40-(oder mehr)-Stundenwoche nicht leisten könnten. Unser Wirtschaftsmodell fußt darauf, dass Menschen aus vorgelebtem und erwarteten Pflichtgefühl einige Arbeit umsonst oder für niedrigen Lohn machen. Das ist noch nicht die ganze Krux vom Gender Pay Gap, das ist nur eine der anderen Ebenen, bei der schon viele nicht mehr mitgehen.

Nicht mitgehen, weil hier die eigene Verantwortung für die Peinlichkeit, dass der Tag so nah am internationalen Frauentag liegt, deutlich wird: Wir alle haben die Erfahrungen gemacht, dass man lieber einen Mann fragt, wenn es um irgendwas mit Technik geht und eine kleine Gruppe grauer Zellen hält es für ein Naturgesetz. Auch wenn man jemanden zum Babysitten sucht, hat man sich vielleicht schon dabei ertappt, eher die Frau mit etwas mehr logistischem Aufwand, als den eigentlich pässlicheren Mann zu fragen. Von offen und grob hingeklatschten „Scherzen“, warum Frauen in die Küche gehören oder Männer einfach die besseren Manager sind (aber keinen Kühlschrank managen können) mal abgesehen.

Es ist kompliziert, aber es ist real. Hie und da kann man Verbesserungen beobachten – trotz aller „wokeness“ und „Links-Grüner-Versifftheit“ ist es die letzten Jahre im Schnitt aber sogar unfairer geworden. Es bleiben die großen politischen und die kleinen zwischenmenschlichen Entscheidungen, die letztlich beeinflussen, ob ein Mann sich zutraut, mehr soziale Verantwortung zu übernehmen und eine Frau eine höhere Gage verhandelt, oder ihren Wunsch Kapellmeisterin zu werden, jeder Skepsis zum Trotz verfolgt.

Es geht nicht darum, dass alle das Gleiche machen und verdienen. Sondern darum, dass alle das machen, was sie wollen. Nicht was die Gesellschaft von ihnen erwartet.

Einen schönen 8. März wünscht
Mathis Ubben


Bewegtbild / Webinar


Video: „Was ist Frauenarbeit in der Kultur wert?“

Am Vortag zum Equal Pay Day 2024 veranstaltete der Deutsche Kulturrat in seiner Reihe „Ja.Aber.Und“ eine Online-Diskussion unter dem Titel „Was ist Frauenarbeit wert?“: Woran liegt es, dass der Gender-Pay-Gap im Kulturbereich in einigen Sparten noch immer so hoch ist? Wieso gibt es nach wie vor einen deutlichen Gender-Show-Gap? Wie kann gegengesteuert werden? Darüber diskutierten Katja Lucker, Geschäftsführerin der Initiative Musik, Dagmar Schmidt, Bildende Künstlerin und Sprecherin des Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler und Gabriele Schulz, Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrats. Die Veranstaltung wurde von Barbara Haack moderiert. 


nmz 2024/03


Das Ende einer Ära – Christian Höppner verlässt den Deutschen Musikrat und sprach mit der nmz

Nach 20 Jahren als Generalsekretär des Deutschen Musikrats hat sich Christian Höppner zum 29. Februar 2024 aus dem Amt verabschiedet. Die Liste seiner Tätigkeiten und Verdienste ist lang: 20 Jahre Musikschulleiter in Berlin, Präsident des Deutschen Kulturrates und des Deutschen Tonkünstlerverbandes, Rundfunkratsmitglied und Haushaltsberichterstatter der Deutschen Welle; seit 1986 unterrichtet er an der Universität der Künste Cello und ist als Dirigent unterwegs. Freut sich Höppner jetzt auf einen schrittweisen Rückzug aus der Kulturpolitik? Die nmz hat ihn zu einer Retrospektive auf seine Karriere eingeladen.

Neue Kapellmeisterin für Leipzig
Yura Yang wechselt aus Karlsruhe an die Oper Leipzig

Beherzter Sachwalter NS-verfolgter Musikschaffender
Der Publizist und Musikwissenschaftler Albrecht Dümling wurde 75


BERICHTE & KOMMENTARE


Musikalische Jahrestage (5) – 8. März – Weltfrauentag

Ralf-Thomas Lindner – Seit der Aufklärung sind die Aufgaben und Rollen in der Welt ganz klar abgesteckt. Der Mann bewegt sich ungehindert im öffentlichen Leben, geht seinem Beruf und seinen Geschäften nach. Die Frau kümmert sich quasi selbstlos um die drei „K“: Küche, Kirche, Kinder. Natürlich ist sie darüber hinaus auch liebevoll um das Wohlergehen ihres Mannes bemüht …

Die Vergangenheit vor der Gegenwart schützen
Bad Blog Of Musick by Moritz Eggert 

Wir können hundertprozentig davon ausgehen, dass kommende Generationen nicht sehr gnädig mit uns sein werden. Aber würden wir uns nicht wünschen, dass sie zumindest versuchen zu verstehen, warum wir so handelten wie wir handeln? Warum wir die Fehler begingen, die wir jetzt begehen? Jedes heutige Kunstwerk repräsentiert unsere Gegenwart, und einigen wenigen wird es gelingen, so authentisch zu sein, dass sie in der Zukunft weiterhin als interessant erachtet werden. Und gerade das nicht Perfekte und vielleicht auch Widerständige daran wird diesen zukünftigen Menschen einen Einblick in unsere Zeit der Irrungen und Wirrungen geben – sie werden mit unserem Scheitern mitfühlen können und ihr zukünftiges Scheitern erahnen. Wer die Vergangenheit verstehen will, muss deren Fehler bewahren, denn nur dann können wir von diesen Fehlern lernen. Wir dürfen diese Fehler nicht ausradieren und so tun, als seien sie schon in der Vergangenheit korrigiert worden. … 

Manche sind gleicher als andere – „Animal Farm“ von Alexander Raskatov an der Wiener Staatsoper

Alexander Keuk – Unser Kritiker Alexander Keuk resümiert, dass „angesichts der Tatsache, dass wir uns auch 2024 wieder und erneut in einem Orwell-Jahr befinden und immer noch auf der Welt die Köpfe einhauen, mehr aktuelle Kommentierung, kunstartige Übertreibung und vor allem ein radikaler Epilog vonnöten“ gewesen wäre, „der besser ‚gesessen‘ hätte als das hier fade …

Mit dichten Sounds und feinen Balladen: Jazztrio Renner überzeugt bei ersten Auftritt in Regensburg

JazzZeitung – Ray Anderson hat es getan und der geniale Albert Mangelsdorff, der früh verstorbene Johannes Bauer und die britische Posaunistin Annie Whitehead. Jeder dieser herausragenden Jazzposaunisten spielte im Laufe der Karriere mindestens einmal in einem Trio ohne Harmonieinstrument. In diese beeindruckende Tradition reiht sich das junge Trio Renner ein, das sich mit eigenen Kompositionen beim Jazzclub …


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Aus Verbänden und der Podcastwelt


VdM - Aus Verband und Musikleben

Demokratiepädagogik

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und muss von uns allen immer wieder neu mit Leben gefüllt werden. Welche Möglichkeiten haben die Institution Musikschule und die Lehrkräfte, die dort unterrichten, um die Werte der Demokratie für junge Menschen im alltäglichen Miteinander erlebbar zu machen? 

VdO

Staatstheater Kassel: Zukunftswerkstatt und Mediationsverfahren

Unter der Überschrift „Weichen für künstlerische und strukturelle Zukunft des Staatstheaters Kassel gestellt“ äußert sich das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst zur Zukunft des Staatstheaters Kassel. Die wichtige Botschaft: Florian Lutz bleibt Intendant bis 2031. Damit wurde sein 2026 auslaufender Vertrag um fünf Jahre verlängert. Landesseitig hatte die frühere Hausleitung des …

Deutscher Kulturrat


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