Newsletter der nmz 70 Jahre

Sehr geehrte Newsletterabonnentinnen und -abonnenten,

Was für ein Tag gestern. Es gäbe da so viel zu kommentieren. Hier ein paar Nachrichten, die nur teilweise in unserem Nachrichtenblock sich niederschlagen konnte. Ich versuche mal, mich kurzzufassen. ;)

Verfassungsbeschwerde von „Aufstehen für die Kunst“ unzulässig

Im Verfahren 1 BvR 928/21 wenden sich die Beschwerdeführenden gegen die Untersagung der Öffnung kultureller Einrichtungen. Ihre Verfassungsbeschwerde ist jedoch bereits unzulässig, weil sie die Möglichkeit einer Verletzung ihrer Grundrechte oder grundrechtsgleichen Rechte nicht ausreichend dargelegt haben.“ Bundesverfassungsgericht zur Verfassungsbeschwerde von „Aufstehen für die Kunst“

Es lohnt sich, den Begründungstext genau zu lesen. Man hätte sich diesen ganzen Aufstand wirklich sparen können. Denn wer die bisherigen Entscheidungen und die “Studien” der Vergangenheit zu lesen wusste, konnte kein anderes Ergebnis erwarten. Jedenfalls in einem Rechtsstaat. 

Die Kunstfreiheit ist in Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG zwar vorbehaltlos, aber nicht schrankenlos gewährleistet. Die Schranken ergeben sich insbesondere aus den Grundrechten anderer Rechtsträger, aber auch aus sonstigen Rechtsgütern mit Verfassungsrang. Dazu gehört das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG.“

Auch in diesem Zusammenhang kann man eher froh sein, dass das Gericht nicht noch mehr zum Thema Kunstfreiheit ausgeholt hat. Statt dessen ist nämlich jetzt ausdrücklich definiert, dass der Kunstfreiheit durch Streaming-Angebote und Downloads genüge getan ist. Darüber hätte man im politischen Diskurs gerne streiten können, ob das wirklich der Fall ist, zumindest wäre es verhandelbar gewesen – aber man wollte ja “Recht”. Mit der Beschwerde und der Reaktion des Bundesverfassungsgerichts ist das jetzt aber definitiv! So hat die Initiative der Kunstszene nach meiner Auffassung wirklich einen Bärendienst erwiesen. Das ist das bittere Ergebnis.

Meine Befürchtung: Die Initiative für sich selbst macht vielleicht weiter. In einem Bericht des Bayerischen Rundfunks wurde bereits gesagt, dass man sogar den Gang zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erwäge.

Matthias Hornschuh zur Verabschiedung der Urheberrechtsreform

Laut jubeln wird nun wohl niemand, denn es handelt sich um einen in manchen Punkten schmerzhaften Kompromiss. Aber Grund zur Freude gibt es doch. Es wird nun neue Spielregeln geben, die nach über 20 Jahren des Stillstands besonders den Digitalbereich ein stückweit für unseren Zugriff zurückerobern. Wir werden nun die Gelegenheit haben, in der Praxis auszuprobieren, was wie geht, was funktioniert und was nicht. Vor allem aber werden wir uns mit aller Kraft und so verantwortungsvoll wie nur möglich an die praktische Umsetzung machen müssen.“ Matthias Hornschuh auf Facebook

Abgewogen diese Reaktion einer Person, die heftig für eine gute Reform im Sinne der Urheber*innen gekämpft hat. Andere Reaktionen von Verbänden gab es auch. Die GEMA eher mild: „Neben den zukunftsweisenden Regelungen zur Providerhaftung beschließen die Abgeordneten Nachbesserungen in Sachen Urheberpersönlichkeitsrecht und Melodienschutz. Bei anderen Punkten bleibt die Reform jedoch hinter den Erwartungen zurück.“ Die Initiative Urheberrecht sieht darin einen „Fortschritt in Richtung faires Urheberrecht“. Das Forum Musikwirtschaft kritisiert die Übertragung der europäischen DSM-Richtlinie in nationales Recht. Trotz massiver Kritik und Aktionen seitens der Branche gab es keine substanziellen Änderungen zum im Februar beschlossenen Gesetzesentwurf. Und draußen in den sozialen Netzen? Uploadfilter, Uploadfilter, Uploadfilter.

Politik wird nicht in Talkshows gemacht?

Till Brönner in einem Interview mit der dpa.

Ich wurde ins Heute Journal und zu Anne Will eingeladen, wurde im Kulturausschuss des Bundestags als Sachverständiger gehört. Der Erdrutsch für die Kultur blieb aber ganz klar aus.“

Ja, das ist jetzt wirklich eine ganz erstaunliche Erkenntnis. Der Dank geht also an all die Personen, die hinter den Glitzerkulissen die Dinge in mühsamer Kleinarbeit verrichtet haben. In Verbänden, in Initiativen. Leute, die sich die ganzen letzten Monate nicht geschont haben, Detailfragen zu lösen, nachgehakt haben in Sachen Kompensation und Förderung von Kunst und Kultur.

Eurovision Song Contest

Kommen wir zu etwas Vergnüglichem zum Schluss. Heike Matthiesen auf Twitter:

Glitzer gibt es auch in grün! Aber Tonarten sind aus“

Ich habe gestern auch mal reingeschaut, nach einem Gespräch im Garten mit dem Nachbarn über „Systemsprenger“ und Jugendliche mit “schwierigen” Probleme, die dort in einer WG betreut werden. Da schmilzt für mich ein bisschen die Frage nach Opernhäusern in München als Hort der Kunstfreiheit zusammen. Zurück zur Tonart. Der Beitrag aus der Schweiz war musikalisch ziemlich cool. Die Buchmacher*innen sehen ihn für das Finale auf Platz 4.

Die nmz-Themen im Schnelldurchlauf:

  • Mai-Thema: Sag zum Label leise Servus – Selbstvermarktung von Musikern am Beispiel von Thomas Gansch und Julia Fischer

  • Musikschulen und das neue NRW-Kulturgesetz

  • Bundestag beschließt Urheberrechtsreform

  • unübersehbar – unser aktueller streaming-kalender

  • HörBar Nr. 34: à la française

  • Nachrichten, Berichte und Kritiken.


Mai-Thema: Sag zum Label leise Servus – Selbstvermarktung von Musikern am Beispiel von Thomas Gansch und Julia Fischer

Sein Bart wird immer länger und wilder, aber zumindest die Spitzen hat sich Thomas Gansch schneiden lassen, wie er mit einem Foto auf seinem Facebook-Account zeigt. Seit Beginn der Corona-Pandemie lässt sich der Wiener Trompeter das Barthaar wachsen – und zwar solange, bis er wieder ohne jegliche Einschränkung auftreten darf. „Karl Marx, Charles Darwin und Johannes Brahms habe ich schon lange überholt. Vor mir liegen nur noch Gandalf und Dumbledore“, erklärt er im Videogespräch aus der heimischen Küche. Weiterlesen

unübersehbar – unser aktueller streaming-kalender der nmz

An dieser Stelle gibt es nun einen fortlaufenden Streaming-Kalender für Veranstaltungen, der regelmäßig aktualisiert wird. Es handelt sich um ausgewählte interessante Veranstaltungen, die teilweise über einige Tage gehen. Weiterlesen

Eine Frage der politischen Priorität – Musikschulen und das neue NRW-Kulturgesetz

Im zweiten Coronajahr bröckelt der soziale Kitt. Die Lage der Menschen, die mit ihrer Kreativität die Gesellschaft zusammenhalten, wird zunehmend prekärer. Anlässlich der Bundestagswahl fordert ver.di nun die „Verankerung von Kunst und Kultur als Pflichtaufgabe“ und eine kontinuierliche „Finanzierung durch die öffentliche Hand“, um „gute Arbeit und faire Bezahlung sicherzustellen“. In Nordrhein-Westfalen gibt es große Hoffnungen, dass diese Gewerkschaftsforderungen in das geplante Kulturgesetzbuch des Landes eingehen. Weiterlesen.

nmz-HörBar mit Michael Kube - Ausgabe 34: à la française

French Duets: «Neben Steven Osborne, dem langjährigen Hauspianisten des Labels Hyperion, sitzt bei dieser atmosphärisch sehr dichten Produktion als «Leihgabe» von Harmonia Mundi Paul Lewis – ein Glücksfall angesichts der wundervoll fließenden Linien.»

Bundestag beschließt Urheberrechtsreform

Berlin - Es war ein Riesenpaket, das die Bundesregierung schnürte und die Kritik war bei Verbänden, Organisationen und Branchen groß. Für das Internet soll es jetzt klarere Regeln geben beim Hochladen von urheberrechtlich geschützten Werken auf Plattformen. Kritik bleibt. Weiterlesen

Konzertsaal oder Wohnzimmer: «Jugend musiziert» im Digital-Format

Bremen - Die Szene ist irgendwie gespenstisch, aber faszinierend. Die Ränge sind verwaist, die Parkettreihen im Metropol Theater Bremen fast leer. Nur in zwei Reihen sind 4 der 1450 samtroten Sitze besetzt mit Juroren des Bundeswettbewerbes «Jugend musiziert», der in diesem Jahr erstmals seit 1964 digital abläuft. Weiterlesen

Nachrichten | Berichte | Rezensionen


nmz 2021/05 - online

Die aktuelle nmz ist in großen Teilen jetzt auch online. (Zum Inhaltsverzeichnis)

Sinnerfüllendes Musizieren als Lebensqualität
Eindrücke von der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik

Weitere Artikel sind frei zugänglich in unserer Online-Ausgabe.


Radio-Tipp

22:05 bis 22:50 | Deutschlandfunk
Milestones – Jazzklassiker: Jimmy Giuffre – Die stille Revolution: „Fusion“ (1961) & „Thesis“ (1961)

Am Mikrofon: Niklas Wandt. 1961 erschienen die Alben „Fusion“ und „Thesis“ des Jimmy Giuffre Trios. Der feinnervige Kammerjazz blieb bei Erscheinen nahezu unbeachtet, entfaltete aber später vor allem in Europa enormen Einfluss. Jimmy Giuffre hatte bereits eine beachtliche Karriere als Holzbläser, Komponist und Arrangeur des Big Band- und Westcoast-Jazz hinter sich, als er sich mit 40 noch einmal auf ganz neues musikalisches Terrain begab. 1961 stieß er mit Paul Bley am Piano und Steve Swallow am Kontrabass in ungewohnte, experimentelle Gefilde vor. Eigenwillig komponierte Miniaturen, unter anderem die ersten Stücke der jungen Carla Bley, sind hier das Sprungbrett für Improvisationen, die sich mitunter komplett von Metrum und Harmonik lösen. Im Gegensatz zum wenig später aufkommenden Free Jazz ist der Fokus hier aber nach innen gerichtet – statt eruptivem Powerplay hört man eine versponnene, behutsam tastende Kammermusik mit düster-warmem Bluesfeeling. Diese Ästhetik wurde prägend für den europäischen Jazz der 70er-Jahre. Am 26. April wäre Jimmy Giuffre 100 Jahre alt geworden. Doch auch 2021 klingt die Musik seines Trios noch frisch und aktuell.

Der Radiowoche bis zum 23.05.2021


Martin Hufner

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